Eigentlich fehlt mir nichts!

 

 

Zwischen Conques - Moissac (April 2004): Wenn ich zurückdenke an das Pilgern, erinnere ich mich an ganz starke Momente: Das Wandern durch die Steineichenwälder im Regen, die 100 verschiedenen Schattierungen von Grün und dazwischen leuchtete es violett auf, das Berührtsein in Conques, etwas wie wieder Heimkehren, oder das Mittagessen im strömenden Regen draussen auf einer Bauruine, die Wärme eines Styroporstückes unter dem Füdli und die Wärme einer andern Pilgerin neben mir spürend – und mit dem tiefen Wissen, eigentlich fehlt mir jetzt nichts...

Ja und dann das grosse Erlebnis in Moncuque als die Wirtin mit einer solchen Hingabe den armen Pilgern die Füsse pflegte, mir auf den schmerzenden, blutenden Halux eine im Oel eingelegte Lilie - nach dem Rezept ihrer Grossmutter – legte, und am Morgen die Wunde zu war. Ich sehe immer noch ihr Gesicht im Licht – oder war es ein inneres Licht.

 

Silvia Silberschmidt

 

Am Ziel angelangt - ohne Erleuchtung
Zeitungsartikel v. Hana Brunschwiler
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Eigentlich müsste man jetzt die Pyrenäen sehen...

 

Aber ausser einem kühlen Dunst in der Ferne, ist nichts zu sehen. Oder doch ? Liegt dort im Süden, ganz schwach erkennbar, nicht eine weiche Gebirgskette im morgendlichen Nebel? Oder sind das nur die nächsten Hügel des Baskenlandes. Das Baskenland, das aussieht als hätte hier der liebe Gott unser Appenzellerland nochmals vergrössert abgebildet. Etwas, wie jetzt die Pyrenäen zu erahnen, zu erhoffen ohne zu erkennen, das gefällt natürlich nicht nur meinem zenbegeisterten Bruderherz und Pilgervater.

Doch was kümmern mich solche Dinge. Heute, am hellen Vormittag, wo mir, vor lauter Pyrenäen suchen, auch noch die Augen schmerzen, nachdem die Füsse bereits wund gelaufen sind. Nein, nein, nur vorwärts, nur weiter, weiter dem Abend, der Brasserie, oder mindestens dem nächsten Halt entgegen! Und unsichtbare, weit entfernte Ziele können mir gestohlen werden. Nur ganz kleine, leicht vorstellbare und mit einzelnen Schritten erreichbare Zwischenziele. Die genügen mir heute vollauf. Heute, wo ich mich morgens gefragt habe, was auf aller Welt ich mit dem heiligen Jakob und seinen Muscheln (die ich ohnehin lieber essen würde) am Hut habe, und weshalb ich meine unfreiwillig langen Militärmärsche nun noch mit langen freiwilligen Pilgermärschen ergänzen sollte. Mal abgesehen von den dunklen Gedanken an die Fremdenlegion, an die Zahnpilgern und die Felgen. Sollen doch die andern fromme Ziele und Gedanken haben - ich nicht!

Und am nächsten Tag sind sie da, die Pyrenäen, klar sichtbar, nicht mehr wegzudenken und dahinter liegt Spanien mit Santiago de Compostela, dem Endziel. Und die kleinen leicht erreichbaren Zwischenziel werden mich, in einzelnen Schritten, auch dahin bringen. Morgen, übermorgen oder irgendwann. Also nur weiter, weiter dem Abend der Brasserie, oder mindestens dem nächsten Halt entgegen. Auch heute , wo die Nacht im fanzösischen Grandlit so erholsam war, wo alle MitpilgerInnen so friedich und liebevoll auf ihrem Weg sind, wo ihre schönen Gesänge in den alten Kirchen noch in meinen Ohren hallen, wo das letzte Nachtessen besser als alle Coquilles-St.Jacques schmeckte und wo mich langsam der Pilger-Reise-Kultur- und Caminovirus erfasst.

Aehnlich wird es wohl auch unserem guten alten Jakob und vielen andern Pilgern ergangen sein. Einzelne hat dieser Weg bis zur Heiligkeit geführt, andere zur echten Frömmigkeit, und andere führt er, mit oder ohne Pyrenäendunst, zur erfrischenden Gelassenheit - mich auch.

 

Hans Kunz, 22. 10.99  (auf der Etappe von Moissac nach St.-Jean-Pied-de-Port)

 


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