SINNWÆRTS.CH
dem eigenen Stern folgen

Jakobsweg

Pilgerreisen

» Anfang oder Ende?
» Reiseberichte
» Fotoimpressionen
Zen-Meditation
Zürcher Ressourcen-   modell  ZRM
Praxis für Laufbahn-
  beratung+begleitung
Startseite


Bruno Kunz
Psychologe FH
dipl. Laufbahnberater

Herrenberg 44
CH - 8640 Rapperswil
++41 55 210 66 20
++41(0)79 510 29 50
bruno.kunz@sinnwaerts.ch

Pilgerberichte

Am Ziel angelangt -
wirklich ohne
Erleuchtung ?

Eigentlich müsste man jetzt die Pyrenäen sehen...

Aber ausser einem kühlen Dunst in der Ferne, ist nichts zu sehen. Oder doch ? Liegt dort im Süden, ganz schwach erkennbar, nicht eine weiche Gebirgskette im morgendlichen Nebel? Oder sind das nur die nächsten Hügel des Baskenlandes. Das Baskenland, das aussieht als hätte hier der liebe Gott unser Appenzellerland nochmals vergrössert abgebildet. Etwas, wie jetzt die Pyrenäen zu erahnen, zu erhoffen ohne zu erkennen, das gefällt natürlich nicht nur meinem zenbegeisterten Bruderherz und Pilgervater.
Doch was kümmern mich solche Dinge. Heute, am hellen Vormittag, wo mir, vor lauter Pyrenäen suchen, auch noch die Augen schmerzen, nachdem die Füsse bereits wund gelaufen sind. Nein, nein, nur vorwärts, nur weiter, weiter dem Abend, der Brasserie, oder mindestens dem nächsten Halt entgegen! Und unsichtbare, weit entfernte Ziele können mir gestohlen werden. Nur ganz kleine, leicht vorstellbare und mit einzelnen Schritten erreichbare Zwischenziele. Die genügen mir heute vollauf. Heute, wo ich mich morgens gefragt habe, was auf aller Welt ich mit dem heiligen Jakob und seinen Muscheln (die ich ohnehin lieber essen würde) am Hut habe, und weshalb ich meine unfreiwillig langen Militärmärsche nun noch mit langen freiwilligen Pilgermärschen ergänzen sollte. Mal abgesehen von den dunklen Gedanken an die Fremdenlegion, an die Zahnpilgern und die Felgen. Sollen doch die andern fromme Ziele und Gedanken haben - ich nicht!
Und am nächsten Tag sind sie da, die Pyrenäen, klar sichtbar, nicht mehr wegzudenken und dahinter liegt Spanien mit Santiago de Compostela, dem Endziel. Und die kleinen leicht erreichbaren Zwischenziel werden mich, in einzelnen Schritten, auch dahin bringen. Morgen, übermorgen oder irgendwann. Also nur weiter, weiter dem Abend der Brasserie, oder mindestens dem nächsten Halt entgegen. Auch heute , wo die Nacht im fanzösischen Grandlit so erholsam war, wo alle MitpilgerInnen so friedich und liebevoll auf ihrem Weg sind, wo ihre schönen Gesänge in den alten Kirchen noch in meinen Ohren hallen, wo das letzte Nachtessen besser als alle Coquilles-St.Jacques schmeckte und wo mich langsam der Pilger-Reise-Kultur- und Caminovirus erfasst.
Aehnlich wird es wohl auch unserem guten alten Jakob und vielen andern  Pilgern ergangen sein. Einzelne hat dieser Weg bis zur Heiligkeit geführt, andere zur echten Frömmigkeit, und andere führt er, mit oder ohne Pyrenäendunst, zur erfrischenden Gelassenheit - mich auch.



Hans Kunz, 22. 10.99
(auf der Etappe von Moissac nach St.-Jean-Pied-de-Port)

Conques - Moissac (April 2004)
Wenn ich zurückdenke an das Pilgern, erinnere ich mich an ganz starke Momente: Das wandern durch die Steineichenwälder im Regen, die 100 verschiedenen Schattierungen von Grün und dazwischen leuchtete es violett auf, das Berührtsein in Conques, etwas wie wieder Heimkehren, oder das Mittagessen im strömenden Regen draussen auf einer Bauruine, die Wärme eines Styroporstückes unter dem Füdli und die Wärme einer andern Pilgerin neben mir spürend – und mit dem tiefen Wissen, eigentlich fehlt mir jetzt nichts...
Ja und dann das grosse Erlebnis in Moncuque als die Wirtin mit einer solchen Hingabe den armen Pilgern die Füsse pflegte, mir auf den schmerzenden, blutenden Halux eine im Oel eingelegte Lilie - nach dem Rezept ihrer Grossmutter – legte, und am Morgen die Wunde zu war. Ich sehe immer noch ihr Gesicht im Licht – oder war es ein inneres Licht.             (Silvia Silberschmidt)


Am  Ziel angelangt - ohne Erleuchtung

In Genf besteigen wir um 22 Uhr den Nachtzug in Richtung Spanien. Wir fahren zur letzten Etappe auf dem 2155 km langen Fussweg von Rapperswil nach Santiago de Compostela. Wir, das ist eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft aus dem Freundeskreis von Bruno und Zita Kunz. Vor 8 Jahren hatten wir uns zur 1. Wegstrecke Konstanz-Genf zusammen gefunden, um jährlich während den Herbstferien ein paar hundert Kilometer zurück zu legen.

Warum bewegt man sich nach Santiago
Der Gründe sind viele, zu gehen und nicht zu fahren. Gehen ist das alltäglichste in unserem alltäglichen Alltag. Man denkt erst daran, wenn man nicht mehr gut gehen kann oder eingesperrt oder gelähmt ist. Dann empfindet man das Gehenkönnen plötzlich als Gehendürfen. „Im Gehen“ ,so sagt es Anselm Grün, sind wir ständig in Bewegung und so kann sich auch in unserem Geist etwas bewegen. Und das mit dem Geist wollten wir eben ausprobieren!

Keuschheit und Enthaltsamkeit
Die grossen Pilgerwege im Mittelalter führten an Orte, die Gottes Zeichen ganz besonders zeigten. Man pilgerte nach Jerusalem (früher ein heiliger Ort), man suchte die Gräber von Petrus und Paulus in Rom, das Grab des Hl. Franziskus in Assisi oder eben das Grab des Heiligen Jakobus in Compostela in Nordwest-Spanien. Dahin machten wir uns auf, jeder mit seinen ganz persönlichen Anliegen, Hoffnungen und Sehnsüchten.
Nicht alle mittelalterlichen Pilger waren unterwegs, um einfach gottgefällig zu leben. Man pilgerte auch, um eine Schuld abzutragen oder weil man die Heilung einer Krankheit erhoffte. Weltliche Gründe spielten auch mit; Flucht aus der Gemeinschaft, Geldschulden oder einfach Abenteuerlust. Die Infrastruktur entlang der Pilgerrouten war denn auch vielfältig ! Neben Kapellen und Herbergen und Krankenhäusern gabs auch Freudenhäuser und Spiellokale. Ein bekanntes Gebet aus jener Zeit hiess: „Lieber Gott, schenk mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber bitte noch nicht jetzt.“

Im Nachtzug
Also, wir sind wieder im Nachtzug nach Spanien. Wir verteilen uns wie gewohnt auf die Pritschen. 6 Mann pro Abteil. Die potentiellen Schnarcher möglichst zusammen. Es ist eng und jetzt schon heiss. Ein fremder, schwergewichtiger Mann kommt noch in unsere Kammer.Er schafft es nicht, per Leiter sein reserviertes Bett auf der 3. Etage zu besteigen. Zita tauscht ihre Pritsche mit ihm. Er ist dankbar. Bald schnarcht er wohlig und gut vernehmbar vor sich hin. So wars nicht gemeint! Für solche Fälle ist aber vorgesorgt; Wir klauben im Dunkeln umständlich die Oropax aus den prallvollen Rucksäcken hervor. Wer mit Bruno Kunz unterwegs ist, weiss, dass Oropax zur Grundausrüstung gehören. Sie empfehlen sich nicht nur im Couchette, auch in Jugendherbergen, Zivilschutzanlagen, verwaisten Schulhäusern und erst recht in den Refugios. Kunz nimmt eben alles, was der schweizerische Hl. Jakob und der französische Saint Jacques und der spanische Santiago auf dem Weg anbieten.
Morgens um drei Uhr sucht der Mann unbeholfen seine Siebensachen zusammen. Er findet den Lichtschalter nicht. Alle werden wach. (So wars auch wieder nicht gemeint) In Lourdes steigt er aus. Unsere Fahrt geht weiter nach Astorga, dorthin, wo wir letztes Jahr aufgehört hatten.

Ohne Küchenwaage packt man nicht
Pilgerhäuptling Bruno, (so heisst er bei uns, wenn er uns überfordert) riet uns, mit der Küchenwaage zu packen. Kein Rucksack soll schwerer sein als 8 Kilo . Er drängt uns jedes Jahr ultimativer, loszulassen statt mitzutragen. Ueber den Verzicht von physischem Ballast würde es uns besser gelingen, von der seelischen Bürde abzuwerfen. Er offeriert uns auch nie ein Begleitfahrzeug. Sein Unternehmen heisst halt Pedes Reisen und nicht Baumeler.
In Astorga also schnallen wir nach der langen Zugfahrt die Rucksäcke an . Es ist bereits dunkel und wir suchen unsere Herberge. Zum Anfangen beinahe eine Nobelherberge... Opium für die Pilger, so stimmt man sie willig !
Mein Rucksack drückt bereits so schwer, dass ich noch am selben Abend eine Schachtel organisiere und 2 Kilo Ballast ans Ziel schicke. Es ist heiss und schön, deshalb schicke ich u.a. den warmen Pulli und die Pelerine (kommt vom französische pèlerin = Pilger) weg. Jakob wird` s wohl nicht regnen lassen. Aber das war eine zu optimistische Prognose; bereits 2 Tage später, nachdem die Benediktinermönche in Rabanal uns mit dem Pilgersegen versehen hatten, setzte Regen ein. Rucksack und Inhalt waren tropfnass. Jakob richtet`s nicht immer.

Refugio besetzt
Zum Glück war das Refugio in Molinaseca, einem herzigen Dörfchen in einer Flussschleife, bereits von andern Pilgern besetzt. So durften wir in ein Hotel mit Zentralheizung. Alles mochte über Nacht trocknen. Selbst der Schlafsack wurde wieder einstiegbereit. Am andern Morgen gab mir die Wirtin einen schön schweren Gartenplastik mit auf den Weg. Gut eingepackt zogen wir nach dem Zmorgen, der wie immer aus Tostada und gran cafe con leche bestand, im Regen weiter. In der zweitgrössten Stadt der Provinz Leon, in Ponferrada, suchten die meisten von uns noch gemeinsam die bilderbuchhafte Klosterburg der Templer auf. Ich suchte ein Sportgeschäft auf. Ich kaufte einen warmen Pulli und eine blaue Pelerine.

Im Zweifelsfall westwärts
Unsere Tagesrouten sind durchschnittlich 20 –35 km lang und gar nicht etwa nur gradaus. Zwei Pässe sind diesmal zu überqueren. Zwar hatten wir einst den Brünig und später die Pyrenäen auch geschafft, aber man wird ja in 8 Jahren nicht jünger und auch nicht leichter. Der 4. Pilgertag führt uns von Villafranca, 504 m.ü.M auf den 1100 m hohen Cebrero-Pass. Hier ist die Grenze zur Provinz Galicien. Dem Ziel ein gutes Stück näher. Der Camino in Spanien ist mit gelben Pfeilen und mit Muscheln gut ausgeschildert. Von PEDES REISEN bekommen wir gleichwohl gute Landkarten im Massstab 1: 25000 .Kunz sagt, man müsse auch wissen, was rechts und links liege. Im Zweifelsfall aber immer westwärts. Und wie man Westen findet, auch ohne Kompass und ohne Polarstern, das haben wir mittlerweile gelernt. Wir sind keine Schulreise. Tagsüber geht jeder, wie es ihm drum ist. Einmal allein, einmal zu zweit. Abends tfifft man sich vor dem Kloster oder vor dem Refugio. Und wenn man Glück hat, ist es besetzt und man findet vielleicht eine Unterkunft mit Dusche.

Gruppendynamik und Pilgerapotheke
Sich über so viele Jahre einer Gruppe zuzuschreiben, sich ein- und nicht unterzuordnen und immer wieder neu zusammen zu finden ist wohl die erheblich grössere Anforderung als das Zustandebringen der physischen Kondition. Wenn dies gelingt, gibt einem der Zusammenhalt ganz viel Kraft. Er ist besonders spürbar, wenn wir in einer Kathedrale den Pilgersegen erhalten für die nächste Wegstrecke, er ist spürbar, wenn der Theologe in unserer Gruppe – Oswin – zum Tischgebet anhält oder ein paar Gedanken vom Jesuiten und Philosophen Karl Rahner mit auf den Weg gibt. Die Zusammengehörigkeit ist auch nachhaltig spürbar, .wenn wir in der Kapelle am Wegrand 4-stimmige Lieder singen. Bis es 4-stimmig gelingt und rein tönt, und bis Dynamik und Agogik klappen, braucht der ermüdete Pilger Nerven! Das ist ein Prozess, bei dem alle gefordert sind; schliesslich will man auf die grosse Kathedrale in Compostela gut vorbereitet sein. (Des Abends in den Refugios ist dann wieder weltliche Literatur angesagt. Die „Pilgermutter Zita „ trägt mit ihrem Temperament und mit ihrem Gemüt auch dazu bei! Bei PEDES REISEN hat alles seine Zeit.)Obwohl Bruno Kunz mit seiner spirituellen Pilgerapotheke (im Buchhandel und in Drogerien erhältlich) für gruppendynamische Extrenfälle gerüstet wäre, herrscht selten Notfallsituation......Aber wenn doch einmal.......dann öffnet er die Pilgerapotheke und jeder darf sich bedienen.

Santiago vor der Tür – Probleme gelöst?
Wir schreiben den zweitletzten Tag vor der grossen Ankunft. Vor dem lang ersehnten Ziel. Man ist ungeduldig, schaut sie nicht mehr so lange an, die Schönheiten am Weg, die intelligentgebauten Maisspeicher, die gutriechenden Eukaliptuswälder. Je näher man Santiago kommt, desto mehr schaut man auf die Kilometersteine. Plötzlich sind es nur noch 42! Bei diesem Stein frage ich den Psychologen, der ennet dem Zürichsee wohnt, ob er jetzt, so nahe am Ziel, alle Probleme gelöst habe. Robert antwortet:“ Ja, die der anderen habe ich gelöst.“ Es folgt die letzte ungeduldige Nacht vor der grossen Ankunft. Bruno begrüsst uns beim Zmorgen mit „Santiago vor der Tür“. Dieser Morgengruss gefällt! Heute geht`s locker. Was sind schon 2o km. Man deckt sich nicht mehr ein mit Proviant. Niemand hat so richtig Hunger. Und für den Durst haben die Spanier gute Einrichtungen mit nur drei Buchstaben.

Die Stunde der Ankunft
Wir kommen am Bach von Lavacolla vorbei. Hier haben sich die mittelalterlichen Pilger zum letzten Mal gewaschen. Man wollte sauber die Kirche betreten. Es ist eigenartig; fast geschlossen bewegt sich die sonst so heterogene Gruppe heute vorwärts. Auf dem Monte de Cozo, dem Berg der Freude, sehen wir zum erstmals die Kathedraltürme. Bruno Kunz ist gerührt und bewegt, obwohl gerade für ihn es nicht das erste Mal ist. Seit 12 Jahren ist er jährlich auf dem Weg, auf seinem Weg. Oft allein, oft mit Gruppen, manchmal mit seiner Familie.. Bei starkem Regen durchwandern wir die Puerta del Camino , das Stadttor. Nicht mehr lachend und schwatzend, aber andächtig und still gelangen wir durch die enge Altstadtgasse zur grossen Kathedrale. Dies ist die Stunde der eigentlichen Ankunft. Von diesem Moment haben wir lange geträumt. Es ist unsäglich feierlich . Und als wir langsam am Silberschrein vorbeigehen, ist weniger Freude als vielmehr Melancholie und Traurigkeit da. Das Ziel ist erreicht. Wie geht`s weiter?

Mit oder ohne Erleuchtung?
Nicht jeder, der diesen langen Weg geht, hat eine Erleuchtung. Kaum einer kann am Ziel sagen, seine Probleme seien gelöst. Aber eines ist sicher: Wer den Weg zu Fuss zurückgelegt hat, der hat gelernt, ein bisschen gelassener hinzunehmen, was Jakob bringt.

Hana Brunschwiler
(Zeitungsartikel, erschienen im November 2002 in der Linth und in der Südostschweiz)