| Conques
- Moissac (April 2004) Wenn ich zurückdenke
an das Pilgern, erinnere ich mich an ganz starke Momente: Das wandern durch die
Steineichenwälder im Regen, die 100 verschiedenen Schattierungen von Grün
und dazwischen leuchtete es violett auf, das Berührtsein in Conques, etwas
wie wieder Heimkehren, oder das Mittagessen im strömenden Regen draussen
auf einer Bauruine, die Wärme eines Styroporstückes unter dem Füdli
und die Wärme einer andern Pilgerin neben mir spürend und mit
dem tiefen Wissen, eigentlich fehlt mir jetzt nichts... Ja und dann das grosse
Erlebnis in Moncuque als die Wirtin mit einer solchen Hingabe den armen Pilgern
die Füsse pflegte, mir auf den schmerzenden, blutenden Halux eine im Oel
eingelegte Lilie - nach dem Rezept ihrer Grossmutter legte, und am Morgen
die Wunde zu war. Ich sehe immer noch ihr Gesicht im Licht oder war es
ein inneres Licht. (Silvia
Silberschmidt) Am Ziel angelangt -
ohne Erleuchtung In
Genf besteigen wir um 22 Uhr den Nachtzug in Richtung Spanien. Wir fahren zur
letzten Etappe auf dem 2155 km langen Fussweg von Rapperswil nach Santiago de
Compostela. Wir, das ist eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft aus dem
Freundeskreis von Bruno und Zita Kunz. Vor 8 Jahren hatten wir uns zur 1. Wegstrecke
Konstanz-Genf zusammen gefunden, um jährlich während den Herbstferien
ein paar hundert Kilometer zurück zu legen. Warum
bewegt man sich nach Santiago
Der
Gründe sind viele, zu gehen und nicht zu fahren. Gehen ist das alltäglichste
in unserem alltäglichen Alltag. Man denkt erst daran, wenn man nicht mehr
gut gehen kann oder eingesperrt oder gelähmt ist. Dann empfindet man das
Gehenkönnen plötzlich als Gehendürfen. Im Gehen ,so
sagt es Anselm Grün, sind wir ständig in Bewegung und so kann sich auch
in unserem Geist etwas bewegen. Und das mit dem Geist wollten wir eben ausprobieren!
Keuschheit
und Enthaltsamkeit
Die
grossen Pilgerwege im Mittelalter führten an Orte, die Gottes Zeichen ganz
besonders zeigten. Man pilgerte nach Jerusalem (früher ein heiliger Ort),
man suchte die Gräber von Petrus und Paulus in Rom, das Grab des Hl. Franziskus
in Assisi oder eben das Grab des Heiligen Jakobus in Compostela in Nordwest-Spanien.
Dahin machten wir uns auf, jeder mit seinen ganz persönlichen Anliegen, Hoffnungen
und Sehnsüchten. Nicht alle mittelalterlichen Pilger waren unterwegs,
um einfach gottgefällig zu leben. Man pilgerte auch, um eine Schuld abzutragen
oder weil man die Heilung einer Krankheit erhoffte. Weltliche Gründe spielten
auch mit; Flucht aus der Gemeinschaft, Geldschulden oder einfach Abenteuerlust.
Die Infrastruktur entlang der Pilgerrouten war denn auch vielfältig ! Neben
Kapellen und Herbergen und Krankenhäusern gabs auch Freudenhäuser und
Spiellokale. Ein bekanntes Gebet aus jener Zeit hiess: Lieber Gott, schenk
mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber bitte noch nicht jetzt.
Im
Nachtzug
Also,
wir sind wieder im Nachtzug nach Spanien. Wir verteilen uns wie gewohnt auf die
Pritschen. 6 Mann pro Abteil. Die potentiellen Schnarcher möglichst zusammen.
Es ist eng und jetzt schon heiss. Ein fremder, schwergewichtiger Mann kommt noch
in unsere Kammer.Er schafft es nicht, per Leiter sein reserviertes Bett auf der
3. Etage zu besteigen. Zita tauscht ihre Pritsche mit ihm. Er ist dankbar. Bald
schnarcht er wohlig und gut vernehmbar vor sich hin. So wars nicht gemeint! Für
solche Fälle ist aber vorgesorgt; Wir klauben im Dunkeln umständlich
die Oropax aus den prallvollen Rucksäcken hervor. Wer mit Bruno Kunz unterwegs
ist, weiss, dass Oropax zur Grundausrüstung gehören. Sie empfehlen sich
nicht nur im Couchette, auch in Jugendherbergen, Zivilschutzanlagen, verwaisten
Schulhäusern und erst recht in den Refugios. Kunz nimmt eben alles, was der
schweizerische Hl. Jakob und der französische Saint Jacques und der spanische
Santiago auf dem Weg anbieten. Morgens um drei Uhr sucht der Mann unbeholfen
seine Siebensachen zusammen. Er findet den Lichtschalter nicht. Alle werden wach.
(So wars auch wieder nicht gemeint) In Lourdes steigt er aus. Unsere Fahrt geht
weiter nach Astorga, dorthin, wo wir letztes Jahr aufgehört hatten.
Ohne
Küchenwaage packt man nicht
Pilgerhäuptling
Bruno, (so heisst er bei uns, wenn er uns überfordert) riet uns, mit der
Küchenwaage zu packen. Kein Rucksack soll schwerer sein als 8 Kilo . Er drängt
uns jedes Jahr ultimativer, loszulassen statt mitzutragen. Ueber den Verzicht
von physischem Ballast würde es uns besser gelingen, von der seelischen Bürde
abzuwerfen. Er offeriert uns auch nie ein Begleitfahrzeug. Sein Unternehmen heisst
halt Pedes Reisen und nicht Baumeler. In Astorga also schnallen wir nach der
langen Zugfahrt die Rucksäcke an . Es ist bereits dunkel und wir suchen unsere
Herberge. Zum Anfangen beinahe eine Nobelherberge... Opium für die Pilger,
so stimmt man sie willig ! Mein Rucksack drückt bereits so schwer, dass
ich noch am selben Abend eine Schachtel organisiere und 2 Kilo Ballast ans Ziel
schicke. Es ist heiss und schön, deshalb schicke ich u.a. den warmen Pulli
und die Pelerine (kommt vom französische pèlerin = Pilger) weg. Jakob
wird` s wohl nicht regnen lassen. Aber das war eine zu optimistische Prognose;
bereits 2 Tage später, nachdem die Benediktinermönche in Rabanal uns
mit dem Pilgersegen versehen hatten, setzte Regen ein. Rucksack und Inhalt waren
tropfnass. Jakob richtet`s nicht immer. Refugio
besetzt
Zum
Glück war das Refugio in Molinaseca, einem herzigen Dörfchen in einer
Flussschleife, bereits von andern Pilgern besetzt. So durften wir in ein Hotel
mit Zentralheizung. Alles mochte über Nacht trocknen. Selbst der Schlafsack
wurde wieder einstiegbereit. Am andern Morgen gab mir die Wirtin einen schön
schweren Gartenplastik mit auf den Weg. Gut eingepackt zogen wir nach dem Zmorgen,
der wie immer aus Tostada und gran cafe con leche bestand, im Regen weiter. In
der zweitgrössten Stadt der Provinz Leon, in Ponferrada, suchten die meisten
von uns noch gemeinsam die bilderbuchhafte Klosterburg der Templer auf. Ich suchte
ein Sportgeschäft auf. Ich kaufte einen warmen Pulli und eine blaue Pelerine.
Im
Zweifelsfall westwärts Unsere
Tagesrouten sind durchschnittlich 20 35 km lang und gar nicht etwa nur gradaus.
Zwei Pässe sind diesmal zu überqueren. Zwar hatten wir einst den Brünig
und später die Pyrenäen auch geschafft, aber man wird ja in 8 Jahren
nicht jünger und auch nicht leichter. Der 4. Pilgertag führt uns von
Villafranca, 504 m.ü.M auf den 1100 m hohen Cebrero-Pass. Hier ist die Grenze
zur Provinz Galicien. Dem Ziel ein gutes Stück näher. Der Camino in
Spanien ist mit gelben Pfeilen und mit Muscheln gut ausgeschildert. Von PEDES
REISEN bekommen wir gleichwohl gute Landkarten im Massstab 1: 25000 .Kunz sagt,
man müsse auch wissen, was rechts und links liege. Im Zweifelsfall aber immer
westwärts. Und wie man Westen findet, auch ohne Kompass und ohne Polarstern,
das haben wir mittlerweile gelernt. Wir sind keine Schulreise. Tagsüber geht
jeder, wie es ihm drum ist. Einmal allein, einmal zu zweit. Abends tfifft man
sich vor dem Kloster oder vor dem Refugio. Und wenn man Glück hat, ist es
besetzt und man findet vielleicht eine Unterkunft mit Dusche. Gruppendynamik
und Pilgerapotheke
Sich
über so viele Jahre einer Gruppe zuzuschreiben, sich ein- und nicht unterzuordnen
und immer wieder neu zusammen zu finden ist wohl die erheblich grössere Anforderung
als das Zustandebringen der physischen Kondition. Wenn dies gelingt, gibt einem
der Zusammenhalt ganz viel Kraft. Er ist besonders spürbar, wenn wir in einer
Kathedrale den Pilgersegen erhalten für die nächste Wegstrecke, er ist
spürbar, wenn der Theologe in unserer Gruppe Oswin zum Tischgebet
anhält oder ein paar Gedanken vom Jesuiten und Philosophen Karl Rahner mit
auf den Weg gibt. Die Zusammengehörigkeit ist auch nachhaltig spürbar,
.wenn wir in der Kapelle am Wegrand 4-stimmige Lieder singen. Bis es 4-stimmig
gelingt und rein tönt, und bis Dynamik und Agogik klappen, braucht der ermüdete
Pilger Nerven! Das ist ein Prozess, bei dem alle gefordert sind; schliesslich
will man auf die grosse Kathedrale in Compostela gut vorbereitet sein. (Des Abends
in den Refugios ist dann wieder weltliche Literatur angesagt. Die Pilgermutter
Zita trägt mit ihrem Temperament und mit ihrem Gemüt auch dazu
bei! Bei PEDES REISEN hat alles seine Zeit.)Obwohl Bruno Kunz mit seiner spirituellen
Pilgerapotheke (im Buchhandel und in Drogerien erhältlich) für gruppendynamische
Extrenfälle gerüstet wäre, herrscht selten Notfallsituation......Aber
wenn doch einmal.......dann öffnet er die Pilgerapotheke und jeder darf sich
bedienen. Santiago
vor der Tür Probleme gelöst?
Wir
schreiben den zweitletzten Tag vor der grossen Ankunft. Vor dem lang ersehnten
Ziel. Man ist ungeduldig, schaut sie nicht mehr so lange an, die Schönheiten
am Weg, die intelligentgebauten Maisspeicher, die gutriechenden Eukaliptuswälder.
Je näher man Santiago kommt, desto mehr schaut man auf die Kilometersteine.
Plötzlich sind es nur noch 42! Bei diesem Stein frage ich den Psychologen,
der ennet dem Zürichsee wohnt, ob er jetzt, so nahe am Ziel, alle Probleme
gelöst habe. Robert antwortet: Ja, die der anderen habe ich gelöst.
Es folgt die letzte ungeduldige Nacht vor der grossen Ankunft. Bruno begrüsst
uns beim Zmorgen mit Santiago vor der Tür. Dieser Morgengruss
gefällt! Heute geht`s locker. Was sind schon 2o km. Man deckt sich nicht
mehr ein mit Proviant. Niemand hat so richtig Hunger. Und für den Durst haben
die Spanier gute Einrichtungen mit nur drei Buchstaben. Die
Stunde der Ankunft
Wir
kommen am Bach von Lavacolla vorbei. Hier haben sich die mittelalterlichen Pilger
zum letzten Mal gewaschen. Man wollte sauber die Kirche betreten. Es ist eigenartig;
fast geschlossen bewegt sich die sonst so heterogene Gruppe heute vorwärts.
Auf dem Monte de Cozo, dem Berg der Freude, sehen wir zum erstmals die Kathedraltürme.
Bruno Kunz ist gerührt und bewegt, obwohl gerade für ihn es nicht das
erste Mal ist. Seit 12 Jahren ist er jährlich auf dem Weg, auf seinem Weg.
Oft allein, oft mit Gruppen, manchmal mit seiner Familie.. Bei starkem Regen durchwandern
wir die Puerta del Camino , das Stadttor. Nicht mehr lachend und schwatzend, aber
andächtig und still gelangen wir durch die enge Altstadtgasse zur grossen
Kathedrale. Dies ist die Stunde der eigentlichen Ankunft. Von diesem Moment haben
wir lange geträumt. Es ist unsäglich feierlich . Und als wir langsam
am Silberschrein vorbeigehen, ist weniger Freude als vielmehr Melancholie und
Traurigkeit da. Das Ziel ist erreicht. Wie geht`s weiter? Mit
oder ohne Erleuchtung?
Nicht jeder,
der diesen langen Weg geht, hat eine Erleuchtung. Kaum einer kann am Ziel sagen,
seine Probleme seien gelöst. Aber eines ist sicher: Wer den Weg zu Fuss zurückgelegt
hat, der hat gelernt, ein bisschen gelassener hinzunehmen, was Jakob bringt. Hana
Brunschwiler (Zeitungsartikel, erschienen im November 2002 in der Linth und
in der Südostschweiz) |