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Bruno Kunz
Psychologe FH
dipl. Laufbahnberater

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bruno.kunz@sinnwaerts.ch

Das Pilgerfresko von Rapperswil

Ein archetypisches Bild, in dem Wesentliches über das Pilgern enthalten ist.

Wenn Sie mehr über die Symbolik dieses archetypischen Bildes erfahren möchten, lesen Sie mein Buch "Pilger|fort|schritte".



Fresko an an der Mühlegasse in Rapperswil

Rapperswil, mein Wohnort, liegt direkt am Jakobsweg und hat eine grosse Pilgertradition. Auch  in unserer Stadt hat der Jakobsweg eine Renaissance erlebt. Das neue Hotel Jakob am Hauptplatz und der neue Holzsteg über den See nach Hurden sind Ausdruck davon. Das Fresko an der Mühlegasse beim Fischmarktplatz  ist ebenfalls erst in den letzten Jahren entstanden.

Das Pilgerfresko von Josef Vollenweider (rechts)

Josef Vollenweider hat dieses ca. 2,5 auf 5 m hohe Fresco im Jahre 1995 an die Fassade des Eckhauses an der Mühlegasse 6 gemalt. Der Auftraggeber wünschte sich ein Pilgermotiv. Der Künstler wählte ein naheliegendes Sujet, nämlich die Darstellung des Pilgerweges von Rapperswil nach Einsiedeln. Vielleicht weil bis heute die Rapperswiler seit einem Gelöbnis von 1452 jeweils am ersten Julisonntag nach Einsiedeln pilgern.

Die Bild wirkt in seinen Pastelltönen ruhig, zeitlos und unaufdringlich. Der Künstler hat eine sehr einfache, fast stilisierte Darstellungsform gewählt. Nichts am Bild ist zu viel.

Im Vordergrund links sticht der veritable Jakobspilger mit Pilgerhut, Muschel und dem Pilgerstab ins Auge. Rechts davon sehen wir das barocke Glockentürmlein des Heiliggeistspitals. Heute ist das ehemalige Spital ein Altersheim, im Mittelalter diente es als Pilgerherberge. In der Bildmitte sehen wir die Stadtmauern mit dem dominierenden Stadttor. Der weite gewundene Pilgerweg führt durch das alte Stadttor hinaus auf den Holzsteg, am Heilighüsli vorbei ans andere Seeufer des Zürichsees und über den St. Meinrad (Etzel) nach Einsiedeln. An der Diagonalen oben rechts ist die schwarze Madonna von Einsiedeln im roten Strahlenkranz zu erkennen.

Soweit die vordergründige "realistische" Beschreibung des Bildinhaltes. Der äussere Pilgerweg ist jedoch immer nur ein Hilfsmittel zur Erfahrung einer anderen Realität. Dieses Bild eignet sich in besonderer Weise für eine tiefenpsychologische Interpretation dieser anderen Realität, des innerern Pilgerweges, denn das Fresko ist ein archetypisches Bild für den pilgernden Menschen schlechthin.

Aufbruch
Um mystische Erfahrungen zu machen und neue innere Erkenntnisse zu erlangen, muss der Mensch, die Heimat verlassen und auf den Weg gehen. Die Mauern, welche die Seele im Körper zurückhalten, müssen durchbrochen werden. Der Pilger braucht Mut den gesicherten Wohnort - im Bild dargestellt durch die Stadtmauern und das Stadttor - zu verlassen. Der Pilger (vielleicht ist es eine Pilgerin) hat einen vieldeutigen Blick. Wir wissen nicht, was in ihm vorgeht. Sein Himmelfahrtsblick könnte Ausdruck seiner Sehnsucht (oder Angst?) sein. Überaus glücklich scheint er auf jedenfall nicht zu sein. Er weiss ja nicht, was auf ihn zukommt.
Der Weg nach Santiago wurde immer als Einweihungsweg in die drei grossen Abschnitte der mystischen Tradition verstanden: Läuterung, Tod und Auferstehung (Neugeburt).

Läuterung
Der Holzsteg über den See und das "Heilighüsli" sind zwei starke Symbole für das, was der Pilger jetzt erlebt. Als erstes kommt er beim Übergang von der materiellen in die geistig-spirituelle Welt mit dem Heilenden und Heiligen, dem Göttlichen in Berührung ("Heilighüsli"). Der Weg in die neue, spirituelle Welt verlangt auch nach einer Auseinandersetzung mit der Seele und dem Unbewussten. Das Wasser gilt in der Tiefenpsychologie als Symbol des Unbewussten. Der Pilger denkt über sein Leben nach und ordnet es neu. Der Holzsteg über den See ist ein schönes Bild für diesen Transformations- und Reinigungsprozess. Christen benutzen für diesen Prozess den Begriff der Läuterung.

Tod

Wenn der Pilger sich geläutert hat, ist er noch lange nicht erleuchtet. Die Pilgerschaft führt ihn an einen Punkt, wo es anstrengend und mühsam wird. Der Pilger muss den Berg (im Bild symbolisiert durch den Etzel) hinauf. Es beginnt der Leidensweg, eine Krisenzeit, zu dem auch die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört. Der Berg, der überwunden werden muss, ist sein "Ölberg". Unweigerlich bringt es der (Kreuz-)weg mit sich, dass Altes zurückgelassen und sterben muss, damit neues Leben entstehen kann.

Auferstehung

Wenn die Krise überwunden ist, wird plötzlich eine andere, neue Kraft spürbar. Er hat ein neues Bewusstsein entwickelt. Der Pilger ist neu geboren (Auferstehung). Er schaut mit andern Augen und kann das Göttliche in sich und in der Welt erkennen. Die runde mandalaförmige Darstellung der Maria im Strahlenkranz ist ein wunderbares Symbol der Ganzheit und Sinnbild für das Erkennen des Göttlichen, das Ziel jeder Pilgerreise ist.

Wir reifen in unserer spirituellen Entwicklung, wenn wir uns immer wieder auf den Weg machen (Aufbruch), uns mit unserer Seele befassen (Läuterung) und Krisen (Tod) nicht aus dem Weg gehen. Dann wird unsere Welt und unser Bewusstsein immer wieder neu (Auferstehung). Dieser Wachstumsprozess von Aufbruch, Läuterung, Tod und Auferstehung erleben wir in unserem Leben immer wieder in den unterschiedlichsten Ausprägungen.