| Rapperswil,
mein Wohnort, liegt direkt am Jakobsweg und hat eine grosse Pilgertradition. Auch
in unserer Stadt hat der Jakobsweg eine Renaissance erlebt. Das neue Hotel Jakob
am Hauptplatz und der neue Holzsteg über den See nach Hurden sind Ausdruck davon.
Das Fresko an der Mühlegasse beim Fischmarktplatz ist ebenfalls erst in
den letzten Jahren entstanden.
Das
Pilgerfresko von Josef
Vollenweider (rechts) Josef
Vollenweider hat dieses ca. 2,5 auf 5 m hohe Fresco im Jahre 1995 an die Fassade
des Eckhauses an der Mühlegasse 6 gemalt. Der Auftraggeber wünschte
sich ein Pilgermotiv. Der Künstler wählte ein naheliegendes Sujet, nämlich
die Darstellung des Pilgerweges von Rapperswil nach Einsiedeln. Vielleicht weil
bis heute die Rapperswiler seit einem Gelöbnis von 1452 jeweils am ersten
Julisonntag nach Einsiedeln pilgern.
Die Bild wirkt in seinen Pastelltönen
ruhig, zeitlos und unaufdringlich. Der Künstler hat eine sehr einfache, fast
stilisierte Darstellungsform gewählt. Nichts am Bild ist zu viel. Im
Vordergrund links sticht der veritable Jakobspilger mit Pilgerhut, Muschel und
dem Pilgerstab ins Auge. Rechts davon sehen wir das barocke Glockentürmlein
des Heiliggeistspitals. Heute ist das ehemalige Spital ein Altersheim, im Mittelalter
diente es als Pilgerherberge. In der Bildmitte sehen wir die Stadtmauern mit dem
dominierenden Stadttor. Der weite gewundene Pilgerweg führt durch das alte
Stadttor hinaus auf den Holzsteg, am Heilighüsli vorbei ans andere Seeufer
des Zürichsees und über den St. Meinrad (Etzel) nach Einsiedeln. An
der Diagonalen oben rechts ist die schwarze Madonna von Einsiedeln im roten Strahlenkranz
zu erkennen.
Soweit die vordergründige "realistische" Beschreibung
des Bildinhaltes. Der äussere Pilgerweg ist jedoch immer nur ein Hilfsmittel
zur Erfahrung einer anderen Realität. Dieses Bild eignet sich in besonderer
Weise für eine tiefenpsychologische Interpretation dieser anderen Realität,
des innerern Pilgerweges, denn das Fresko ist ein archetypisches Bild für
den pilgernden Menschen schlechthin. Aufbruch
Um mystische Erfahrungen zu machen und neue innere Erkenntnisse zu erlangen, muss
der Mensch, die Heimat verlassen und auf den Weg gehen. Die Mauern, welche die
Seele im Körper zurückhalten, müssen durchbrochen werden. Der Pilger
braucht Mut den gesicherten Wohnort - im Bild dargestellt durch die Stadtmauern
und das Stadttor - zu verlassen. Der Pilger (vielleicht ist es eine Pilgerin)
hat einen vieldeutigen Blick. Wir wissen nicht, was in ihm vorgeht. Sein Himmelfahrtsblick
könnte Ausdruck seiner Sehnsucht (oder Angst?) sein. Überaus glücklich
scheint er auf jedenfall nicht zu sein. Er weiss ja nicht, was auf ihn zukommt. Der
Weg nach Santiago wurde immer als Einweihungsweg in die drei grossen Abschnitte
der mystischen Tradition verstanden: Läuterung, Tod und Auferstehung (Neugeburt).
Läuterung
Der Holzsteg über den See und das "Heilighüsli" sind zwei
starke Symbole für das, was der Pilger jetzt erlebt. Als erstes kommt er
beim Übergang von der materiellen in die geistig-spirituelle Welt mit dem
Heilenden und Heiligen, dem Göttlichen in Berührung ("Heilighüsli").
Der Weg in die neue, spirituelle Welt verlangt auch nach einer Auseinandersetzung
mit der Seele und dem Unbewussten. Das Wasser gilt in der Tiefenpsychologie als
Symbol des Unbewussten. Der Pilger denkt über sein Leben nach und ordnet
es neu. Der Holzsteg über den See ist ein schönes Bild für diesen
Transformations- und Reinigungsprozess. Christen benutzen für diesen Prozess
den Begriff der Läuterung. Tod
Wenn der Pilger sich geläutert hat, ist er noch lange nicht erleuchtet. Die
Pilgerschaft führt ihn an einen Punkt, wo es anstrengend und mühsam
wird. Der Pilger muss den Berg (im Bild symbolisiert durch den Etzel) hinauf.
Es beginnt der Leidensweg, eine Krisenzeit, zu dem auch die Auseinandersetzung
mit dem Tod gehört. Der Berg, der überwunden werden muss, ist sein "Ölberg".
Unweigerlich bringt es der (Kreuz-)weg mit sich, dass Altes zurückgelassen
und sterben muss, damit neues Leben entstehen kann. Auferstehung
Wenn die Krise überwunden ist, wird plötzlich eine andere, neue Kraft
spürbar. Er hat ein neues Bewusstsein entwickelt. Der Pilger ist neu geboren
(Auferstehung). Er schaut mit andern Augen und kann das Göttliche in sich
und in der Welt erkennen. Die runde mandalaförmige Darstellung der Maria
im Strahlenkranz ist ein wunderbares Symbol der Ganzheit und Sinnbild für
das Erkennen des Göttlichen, das Ziel jeder Pilgerreise ist. Wir
reifen in unserer spirituellen Entwicklung, wenn wir uns immer wieder auf den
Weg machen (Aufbruch), uns mit unserer Seele befassen (Läuterung) und Krisen
(Tod) nicht aus dem Weg gehen. Dann wird unsere Welt und unser Bewusstsein immer
wieder neu (Auferstehung). Dieser Wachstumsprozess von Aufbruch, Läuterung,
Tod und Auferstehung erleben wir in unserem Leben immer wieder in den unterschiedlichsten
Ausprägungen.
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