| Gebrauchsanweisung
In
der kleinen Schmuckdose sind 36 Karten mit heilsamen Sprüchen und Lebensweisheiten.
Jede Karte repräsentiert ein Lebensthema, das auf Ihrem Weg eine spezielle
Bedeutung haben kann. Die Karten können einen starken Impuls geben, sich
mit diesem Thema zu befassen. Die Spirituelle Pilgerapotheke ist kein wissenschaftlich
erprobtes Heilmittel, um die Mühen des Weges zu mildern und geheilt oder gar geheiligt
in Santiago anzukommen, sondern ein feines Hilfsmittel, um sich den spirituellen
Dimensionen des Wegs zu öffen. Sie will Impulse geben, allfällige spirituelle
Entwicklungskrisen auf dem Weg besser zu verstehen und zu bewältigen Ich hoffe,
dass die gesammelten Lebens- und Pilgerweisheiten auf den Meditationskarten zum
richtigen Zeitpunkt die manchmal notwendigen Gedankenimpulse geben, um immer tiefer
in das Geheimnis des eigenen Lebensweges einzudringen. Auf
dem Jakobsweg habe ich viel über mich, aber auch über Gott und die Welt erfahren,
erlebt und gelernt. Der Camino, wie der Jakobsweg auch genannt wird, ist ein konkreter
Lebens- und Pilgerweg, auf dem die meisten Menschen ganzheitliche, existenzielle
Erfahrungen machen und - was vielleicht das Entscheidende ist - Zeit haben über
diese Erfahrungen nachzudenken und sie auf ganz verschiedenen Ebenen zu verarbeiten.
Unser ganzes Leben ist ein Entwicklungsweg mit verschiedenen Phasen und entsprechenden
Anforderungen und Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Auf dem Camino können diese
Entwicklungsprozesse in verdichteter Form erlebt werden. In der mystischen Tradition
des Christentums wurde dieser Weg oft als Einweihungsweg mit den drei Phasen Läuterung,
Tod und Auferstehung in Verbindung gebracht. Barbara Haab hat in ihrem Buch "Weg
und Wandlung" mit wissenschaftlichen Methoden den Transformationsprozess
der Pilger untersucht. Phase
1 :
A u f b r u c h - eine Frage der Motivation In
jedem Aufbruch steckt ein Neuangang. Wer aufbricht, möchte unbewusst oder bewusst
etwas in seinem Leben verändern. Mit dem Aufbruch beginnt die Pilgerschaft, in
ihm liegt der Reiz des Neuen, Unbekannten. Zu allen Zeiten sind Menschen aufgebrochen,
haben Wege gesucht, die ihrem Leben Ziel und Richtung gegeben haben und Spuren
von Sinn erkennen liessen. Der Jakobsweg ist ein solcher Weg. Obwohl der Weg nach
Santiago Jahrhunderte alt und ein bekannter Weg ist, braucht es auch heute noch
Mut sich auf diesen langen Weg zu machen. Das Unbekannte reizt nicht nur, es macht
gleichzeitig auch Angst. Ob wir auf den Jakobsweg oder andere Wege gehen, immer
wieder müssen, können wir von neuem aufbrechen. Wann
brechen Menschen zu etwas Neuem, z.B. nach Santiago, auf ? - Das Ziel muss
verlockend sein. Ideal ist es, wenn es einem tiefen Wunsch entspricht. Letztlich
ist es immer eine Sehnsucht, die den Menschen veranlasst sich auf einen spirituellen
Weg zu begeben. Augustinus beschreibt es so: "Das unruhige Herz ist die Wurzel
der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem
Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn
das andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann
ihn niemals ganz erfüllen. Seine Sehnsucht ist grösser. Im Grunde seines Herzens
sucht er ruhelos den ganz Anderen und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht,
zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott."
Eine Sehnsucht ist wie eine Vision ohne Bild. Wenn sie stark ist, hat sie eine
ungeheure Kraft. Man wird von ihr förmlich angezogen. Sie lässt einem nicht mehr
los. Man muss ihr folgen, koste es was es wolle. Der Camino de Santiago wird als
der Weg der grossen Sehnsucht bezeichnet, weil dieser Weg Menschen anzieht, die
etwas suchen. Die Sehnsucht ist der stärkste Motivationsfaktor. Wer zu Neuem aufbricht,
hat Beweggründe, die er unter Umständen gar nicht genau benennen kann. Dass die
Motivationen von Jakobspilgern sehr unterschiedlich sind, liegt in der Natur der
Sache. Sich mit der Geschichte und Spiritualität dieses Weges auseinanderzusetzen,
ist auf jeden Fall lohnend. In den letzten Jahren ist eine reichhaltige Pilgerliteratur
zum Thema Jakobsweg erschienen (siehe Anhang) Henri Jarnier, ein passionierter
Jakobspilger, drückte es kurz und bündig so aus : "Toutes est dans la tête." -
Die Zeit muss reif sein für den Aufbruch. Alles hat seine Zeit: Das Suchen nach
einem neuen Weg ist nicht in jeder Lebensphase gleich stark. -
Aufbrechen heisst immer auch Abschiednehmen und Loslösen vom Alten. Man muss Sicherheiten
aufgeben und Vergangenes loslassen können. Schon früher gab es Menschen, die den
Camino als Flucht aus dem Alltag benutzt haben. Besser ist es, seine sieben Sachen
vor dem Aufbruch in Ordnung zu bringen, so dass man nicht mit zu viel Unerledigtem
auf den Weg geht. -
Nur wer zeitlich und psychisch genug Freiraum hat, bricht zu neuen Ufern auf.
Allein schon sich den Freiraum zu schaffen, um ein oder mehrere Monate als Pilger
unterwegs zu sein, braucht Ueberzeugung und Entschlusskraft. -
Wer aufbricht, muss Vertrauen haben, dass der gewählte Weg ein guter, sinnvoller
Weg ist. Angst ist lähmend. Es ist normal vor dem Aufbruch Zweifel und Unsicherheiten
zu haben. Schaffe ich den Weg ? Erreiche ich das Ziel ? Lohnt sich der Aufwand
? etc. Das Ziel ist nicht nur verlockend, denn wir wissen nie, was auf uns zukommen
wird. Das Gute am Camino: Es ist ein bewährter Weg, den schon Unzählige gegangen
sind. Das verleiht diesem Weg seine Besonderheit und stärkt das Vertrauen. Der
Weg kann zwar einsam sein, aber man ist selten alleine. Millionen von Pilgern
haben im Verlauf der Jahrhunderte ihre eindrücklichen Spuren hinterlassen. Trotzdem
braucht es immer Mut zum Aufbruch . Wohl deshalb rufen sich die Pilger auch heute
noch "Ultreïa !" zu, was so viel heisst wie "Mach dich auf, wage
es, es wird gehen, es lohnt sich! " Phase
2:
L ä u t e r u n g - eine Folge des tagelangen
Gehens "Gehen.
Darum geht es. Ich gehe. Ich gehe auf auf Strassen. Ich gehe auf Feldwegen, ich
gehe durch den Sumpf. Ich gehe auf Wegen aller Art. Ich gehe nicht irgend einen
Weg. Ich gehe auf dem Jakobsweg." Mit
diesen Worten beginnt Beat Sterchi den Erlebnisbericht seiner Pilgerreise. Letztlich
spielt es keine Rolle, welchen Weg wir gehen. Wichtig ist, einen Weg zu gehen,
im wörtlichen und übertragenen Sinn. Pilger auf dem Jakobsweg gehen einen ganz
konkreten Weg. Sie gehen ihn tage-, wochen-, ja monatelang und (fast) alle machen
ähnliche Erfahrungen. Es
braucht mehrere Tage, bis man sich an den neuen Rhythmus des Pilgerns gewöhnt
hat. Erst allmählich beginnt man zu spüren, dass der Weg bewegt, dass das äusserliche
Unterwegssein, auch innerlich bewegt und verändert. Wandern kommt von wandeln.
Das Wandern wandelt allmählich das Innere und es kommt zu einer inneren Verwandlung.
Das äussere Unterwegssein wird zum Mittel um auf dem inneren Weg voranzukommen.
Das Innere wird aufgeweicht, die psychischen Verkrustungen beginnen sich zu lockern.
Man muss der Seele dafür Zeit lassen, viel Zeit. Nur dann wird diese Erfahrung
gemacht. Darum sind viele der heutigen Pilger immer noch zu Fuss unterwegs. Trotzdem
sind wir in der Regel zu wenig gelduldig, weil wir Kinder einer Subitogesellschaft
sind, in der jedes Bedürfnis immer rascher befriedigt werden muss. Es
ist ein Trugschluss zu glauben, dass der Veränderungsprozess des Sich Oeffnens
für neue Erfahrungen bereits nach wenigen Tagen erfolgt. Jeder nimmt sich und
seine Geschichte und seine Gewohnheiten mit auf den Weg. So haben z.B. sehr leistungsbezogene,
sportliche Menschen meistens auch auf dem Jakobsweg den Ehrgeiz schnell und auf
dem direktesten Weg ans Ziel zu kommen. Es
kann Wochen dauern, bis wir uns als Pilger fühlen und uns mit dieser Rolle innerlich
identifizieren können. Wenn wir "richtige" Pilger geworden sind, verändert
sich unsere Einstellung zum Leben: Die Vergangenheit ist nicht mehr so wichtig;
wir leben immer mehr im Hier und Jetzt und es gelingt uns immer besser uns mit
Leib und Seele auf den Weg einzulassen. Wir spüren, das Gehen tut uns gut, es
wirkt heilsam. Immer mehr können wir das annehmen, was der Weg uns gibt, lösen
uns von unserer Ich-Verhaftung, werden empfänglicher und bewusster. Wir sehen
manches neu, klarer. Wir pilgern unbeschwerter, weil wir die nötige Distanz zum
Alltag gewonnen haben und geniessen die neue Lebensform mit offenem (reinem?)
Herzen. In der christlichen Terminologie wird dieser Reinigungsprozess als Läuterung
bezeichnet. Ein geläuterter Mensch sieht und nimmt die Wirklichkeit des Lebens
wahr wie sie ist und nicht wie sie nach seinen Vorstellungen sein sollte. Phase
3:
T o d - Krisen auf auf dem Pilgerweg
Unterwegssein
ist immer eine geistige und seelische Herausforderung. Irgendwann wird fast jeder
Weg beschwerlich. Es gibt Durststrecken, Wüstenzeiten auf dem Weg, Situationen,
wo wir die Orientierung verlieren, vom Weg abkommen oder zweifeln, ob wir auf
dem richtigen Weg sind. Eine äusserliche Wüstenerfahrung erleben die Pilger z.B.
beim Durchqueren der kastillischen Hochebene (Meseta) in Spanien. "Innere"
Wüstenzeiten der Einsamkeit, des Durstes, der Orientierungsbedürftigkeit bleiben
uns entlang des Jakobsweges und auf dem Pilgerweg des Lebens nicht erspart.
Wüstenzeiten
fordern uns existenziell. Sie sind immer Anstoss und eine grosse Chance Antworten
auf die aktuelle Lebenssituation zu geben und neuen Lebenssinn zu finden. Ohne
Leiderfahrung entsteht nichts Neues. Der Jakobsweg ist darum auch ein Leidensweg,
wo Altes sterben muss, damit der Mensch neu geboren werden kann. In dieser Phase
des Weges sind wir auf göttliche Wegzeichen besonders angewiesen. Gewisse Pilger
werden recht geschüttelt, bis sie empfänglich für Göttliches werden, wie immer
sich dies im Einzelfall offenbart. Phase
4:
Auferstehung -
ein neues Bewusst-Sein entsteht Auferstehung
ist ein Wort aus der Bibel. Christen glauben an die Auferstehung Christi und an
die eigene. In unserem Erdendasein schon von Auferstehung zu reden, fällt uns
schwer. Dem Begriff haftet etwas Jenseitiges an. Trotzdem kennen wir in unserem
Leben so etwas wie Auferstehungserlebnisse, z.B. dann wenn wir das Gefühl haben,
ein neuer Mensch geworden zu sein, uns innerlich so gewandelt zu haben, dass sich
das Leben in einer neue Form offenbart. Nicht selten stellt sich so ein Gefühl
nach der Bewältigung von schweren Krisen ein.
Viele Pilger berichten nach
ihrer Heimkehr, dass sie der Camino wesentlich verändert habe. Es gibt für sie
eine Zeit vor und die Zeit nach dem Weg. Worin dieses neue Leben besteht, ist
sehr individuell. Verallgemeinernd kann gesagt werden, die meisten sind - in welcher
Form auch immer - sich selber und Gott näher gekommen und haben ein höheres, anderes
Bewusstsein entwickelt, das sich in einer tieferen, ganzheitlicheren Verbundenheit
mit sich selber und der ganzen Schöpfung ausdrückt. Vielleicht sind wir dankbarer
geworden und können mit mehr innerer Zuversicht unseren Lebensweg bejahen und
fühlen uns besser eingebettet als kleiner Teil im Kreislauf der göttlichen Natur. |